Tagebuch einer ver-rückten Zeit

Tagebuch einer ver-rückten Zeit / Tag 30

10. November 2021

Ich bin allein zu Haus und fühle mich verlassen. Die Sonne scheint. In mir drinnen scheint sie nicht. Wird man so depressiv? Dazu habe ich schlecht geschlafen. Bin nach dem nächtlichen Toilettengang einfach lange nicht wieder eingeschlafen. Meine Lendenwirbelsäule schmerzt, dann wieder nicht, dafür der Rücken in der Nierengegend, Hals, Nacken, Kopf. Unterwegs mit dem Hund ist es besser.

Es wird düster. Ist das die wahrgewordene Dystopie?

Ich sollte keine Zeitung mehr lesen. Aber was passiert dann? Wir müssen doch hingucken, aufpassen, wach bleiben – wie U. immer sagt. Aber um welchen Preis? Wenn ich zerbreche, hat es nichts gebracht. Und ich fühle mich zerbrechlich, sehr sogar.

In meinem Status habe ich vorhin einen Artikel gepostet, in dem dargestellt wird, wie das RKI auf seiner Seite „still und leise – fernab von öffentlichkeitswirksamen Pressestatements“ Einschätzungen zur Pandemie verändert hat.

Postwendend kommentierte Ela Deckert. (ihres Zeichens TCM-Therapeutin und seit Corona plötzlich Impf- (und auch Maßnahmen-)befürworterin. (Soweit ich gehört habe, kennt die TCM gar keine Viren. Wie passt das zusammen?)

„Was genau ist daran, dass das RRKI seine Einschätzungen entsprechend der momentanen Lage ändert, schlimm? Außer die polemische Art des Schreiberlings???“ Zehn Minuten später ergänzte sie: „Es ist eine nie zuvor dagewesene Situation und wie gut und wie lange die Impfung schützt, weiß man auch nicht. Gute Wissenschaft hat kein Problem damit, sich unter veränderter Faktenlage anzupassen!!!!!!“

Was soll ich darauf antworten. Ist eine Antwort überhaupt erwünscht. Um in einen Austausch zu kommen? Nein, dafür stehen mir hier zu viele Ausrufungszeichen.

In Ela gärt es offenbar. 37 Minuten später meldet sie sich noch einmal: „Eine Freundin von mir ist Krankenschwester und hat bis zum Sommer auf Covid-Intensivstationen in Berlin als Springer gearbeitet. Frag die doch mal, was Covid 19 ist und wie das aussieht … Wir hatten gerade gestern wieder ein Gespräch darüber. Sie wäre für radikale Triage: Wer nicht geimpft ist, wird als letzter behandelt oder falls keine Betten zur Verfügung stehen, wird er eben gar nicht behandelt.
Finde ich radikal, auch ein rauchender Lungenkrebspatient wird behandelt … Aber sie hat kein Mitleid mehr …

Nun antworte ich ihr doch. Ich erzähle Ela, dass ich heute Nachmittag mit einem Intensivpfleger verabredet bin, um mir sagen zu lassen, wie es aktuell auf den Intensivstationen, auf denen er ebenfalls als Springer arbeitet, ganz bewusst, um sich sein Bild zu machen, aussieht. Dann sage ich ihr noch, dass wir alle geprägt sind, von dem, was wir erleben, erwähne, dass ich Menschen kenne, die die Impfung nicht gut verkraftet haben und darüber Menschen, die unmittelbar Freunde oder Verwandte in Folge der Impfung verloren haben. Ich erzähle von der 23-jährigen Prenzlauer Chorsängerin, die sich als Notfallsanitäterin hat impfen lassen müssen und dann mit drei Thrombosen, einer davon in Herznähe, und dreißig Prozent Überlebenschance auf der Intensivstation gelandet ist. Das sind die Geschichten, die das Leben schreibt, sage ich, und, dass ich es nicht gut finde, Tote gegen Tote aufzuwiegen, aber wir ziehen eben unsere Konsequenzen aus unserem Erfahrungen. Außerdem habe ich ihr gesagt, dass ich parallel dazu eine Politik sehe, die mir überhaupt nicht gefällt, Politiker, die sich in Maskendeals bereichern, Zahlen, die begradigt werden, Zahlen, die anders ausgelegt werden. Ich habe ihr gesagt, wie wichtig ich es finde, sich darüber auszutauschen, dass ich niemanden überzeugen will, dass es mir mit der Situation alles andere als gut geht und ich auch wünschte der ganze Spuk sei lieber heute als morgen vorbei. Um Missverständnissen vorzubeugen, sagte ich, dass ich weiß, dass Covid 19, also die Krankheit, die auf die Lunge geht, richtig gefährlich ist, dass ich sie nicht bekommen möchte und mein Immunsystem deshalb so gut wie möglich stärke. Was nicht ganz einfach sei, es leide trotzdem, durch den Stress dem ich ausgesetzt bin.

Dazu hat Ela sich nicht mehr geäußert.

Natürlich verunsichern mich solche Schilderungen von Menschen, die direkt mit Covid zu tun haben. Aber was sagt das, was Ela mir geschildert hat, konkret? Nichts. Kati hat eine Cousine, die als Krankenpflegerin arbeitet, und fragte diese, woher der Hass auf die Ungeimpften komme. Die Antwort durfte ich in meinem Whats App Status posten.

„Wir haben immer viel zu tun. Das war vor Corona auch so, aber die ganzen Maßnahmen verursachen mehr Arbeit, als die Patienten selbst. Dennoch: ich bin dafür da, damit jeder leben kann, wie er will. Man kann doch den Wert eines Menschenlebens nicht vom Impfstatus abhängig machen. Ich müsste eigentlich sauer sein auf die ganzen Raucher. Aber die begleite ich, wenn sie wieder stabil sind, sogar zum Rauchen nach draußen. Manche haben Bock auf Schokolade, andere auf Zigaretten. Keiner ist deswegen ein schlechterer oder besserer Mensch…. und bevor die uns die Bude anzünden, weil sie im Bett rauchen… Das gab es nämlich auch schon 😱 Manche Kollegen schimpfen auf die Impfgegner. Aber das sind die, die schon immer gejammert haben. Jetzt haben sie einen Sündenbock, der auch noch legitim ist. Unsere Station läuft gerade voll mit recht jungen Patienten, die neurologische Symptome haben, die keiner einordnen kann. Sie werden eingewiesen, weil sie draußen kein MRT bekommen. Die Termine sind wohl über Monate hinweg ausgebucht. Das fällt auf, und unserem Chefarzt dämmert schon ein Zusammenhang zur Impfung. Deshalb müssten sie sich besser über die aufregen, die sich haben impfen lassen. Aber das ist ja politisch nicht korrekt. Wir haben auch mehr Schlaganfälle. Auch auffällig viele Jüngere. Also so zwischen 45 und 55. Auch Nichtraucher und schlanke Typen. Alle müssen einen PCR-Test machen. Ist der positiv, kommen sie wegen des Schlaganfalls zunächst auf die ITS, werden aber als Corona-Patienten in der ITS-Belegung erfasst. Ich weiß nicht, ob es dafür extra Geld gibt. 🤷🏼‍♀… „

Nun war ich gespannt, was Sven, mein Intensivpfleger erzählen würde. Zunächst war es ihm wichtig zu sagen, dass er mir nur seine kleine eingeschränkte Sicht schildern könne, die aber irgendwie auch eine große Sicht sei, da er seit März auf fünfundzwanzig verschiedenen Intensivstationen in Berliner Krankenhäusern Dienst getan habe.

Er sagt, nirgend sei für ihn eine Notlage sichtbar und auch keine Bettenüberbelastung absehbar. Momentan arbeitet Sven in einem Krankenhaus mit dreißig Intensivbetten. Von denen sind fünfzehn gesperrt, weil kein Personal vorhanden ist, um etwaige Patienten zu versorgen. Aktuell sind sechs Covid-Patienten zu versorgen. Alle sind Risikopatienten, alt und/oder vorerkrankt.

Über Weihnachten wollte Sven in einem Krankenhaus arbeiten. Die dortigen Intensivdienstleistung sagte ihm, die Charieté und Vivantes hätten beschlossen, dass zu den Diensten in den nächsten drei Monaten keine weiten Mitarbeiter hinzugebucht werden dürften. Svens Chefin, also die Chefin der Leasingfirma, deren Angestellte das betrifft, wusste davon allerdings noch nichts.

Zwei Kollegen von, die in einem Krankenhaus im Süden Berlins Dienst tun, erzählten ihm, dass die dortige Intensivstation in jeder Schicht mit 80 Prozent Leasingmitarbeitern laufe.

Bestätigen konnte Sven, dass in der derzeitigen Welle wirklich mehr junge Menschen (30, 40, 50-jährige) schwer an Covid erkrankten, die keine offensichtliche Vorerkrankung hätten – ABER: und das bestätigt seine Freundin, die in Bonn auf einer Intensivstation arbeitet, meistenteils Ausländer sind. Eine Erklärung für dieses Phänomen hat Sven bislang nicht.

Eine Stunde haben wir um dieses Thema herum munter geplaudert.

Ich merke, was ich schon tagsüber wahrgenommen habe, mir fehlen die Menschen. Allerdings brauche ich sie gerade dosiert. Meinen Prenzlauer Lindenkreis habe ich wieder sausen lassen, fühle mich nicht gewachsen – mir wird schwindlig, wenn ich mir unseren Raum und die Gespräche darin vorstelle. Jetzt sitzen sie wohl gerade noch zusammen.

Mein TelegrammKanal spinnt wieder. Die Nachrichten erreichen mich alle Stunden verspätet. Ich nehme es wieder als Wink von oben. Digital Detox!!!