Tagebuch einer ver-rückten Zeit

Tagebuch einer ver-rückten Zeit

Nach einem Monat täglichen Zeitzeugnisses ist Nora so erschöpft, dass sie eine Schreibpause braucht. Sie bittet Freunde und Bekannte jeweils eine Woche lang ein Corona-Tagebuch zu führen, um für die Nachwelt festzuhalten, wie unterschiedlich verschiedene Menschen auf die Krise reagieren und mit ihr umgehen.

Theresas Blick aus Schweden
15.-17. November 2021

Montag, 15. November 2021

In Deutschland wurde gerade schon wieder ein neuer rekordhoher Inzidenzwert erreicht. Die Zahlen steigen schnell und stark an und die Panik wird wieder größer. Doch in meinem Alltag merke ich kaum, dass das Virus überhaupt existiert.

Ich lebe in Schweden und bin sehr froh, dass Corona in meinem Alltag kein Gesprächsthema ist. Ich führe größtenteils ein Leben wie vor der Pandemie und das nicht erst seit dem Freedom Day Ende September. Für mich hat der Freedom Day nichts geändert, er hat mir nicht noch mehr Freiheiten gebracht, weil ich schon vorher alles machen konnte.

Ich war heute in der Uni und dort kann ich immer hin, wenn ich möchte, ohne Regeln zu beachten. Es herrscht weder eine Maskenpflicht noch 3G Regelungen oder andere Einschränkungen. Jeder darf die Uni betreten und wenn ich mit meinen Freunden aus Deutschland spreche, wird mir immer wieder bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann. Denn sie müssen alle 3G Nachweise vorlegen und überall Masken tragen. Das ist doch kein Uni Leben, so haben wir uns das doch früher alle nicht vorgestellt…

Beim Yoga war ich heute auch. Ohne Abstand. Ohne Masken. Ohne 3G. Ohne jegliche Einschränkungen. In Deutschland wäre das ja gar nicht vorstellbar…

Dienstag, 16. November 2021

Seit gestern herrscht in Österreich ein Lockdown für Ungeimpfte. Was passiert nur mit dieser Welt? Ich habe zwei beste Freundinnen. Die eine studiert in Deutschland und die andere in Österreich. Aber beide sind geimpft und haben dadurch keine Nachteile. Ich hingegen dürfte in Österreich jetzt nicht mehr zur Uni und auch in Deutschland ist ein Studium für Ungeimpfte ja schon sehr erschwert durch eine tägliche Testpflicht, aber keiner täglich kostenlosen Tests. In gewisser Weise wäre also in beiden Ländern nicht wirklich ein Studium für mich möglich.

Jetzt gerade erschüttert mich der Lockdown für Ungeimpfte in Österreich aber am meisten. Ich verstehe nicht, wie man einige Menschen so sehr von anderen abgrenzen kann. Umso besser passt dieses Thema zu meinem Uni Projekt. Wir sollen nämlich gerade ein Manifest schreiben und ich habe mich für das Thema Diskriminierung und Ausgrenzung entschieden. Mein Manifest macht deutlich, dass wir alle Menschen sind und jeder einzelne von uns einen respektvollen Umgang verdient. Egal welche Hautfarbe, welche Sexualität oder welches Geschlecht man hat und auch egal welche Entscheidung man über sich und sein Leben trifft. Möchte man sich nicht impfen, dann ist man trotzdem ein Mensch und gehört respektiert und in der Gesellschaft gut aufgehoben!

Ich lebe in einem Land, wo ich als Ungeimpfte keinen einzigen Nachteil habe und bin sehr dankbar dafür. Dennoch macht es mich traurig und wütend, wie Menschen wie ich in anderen Ländern behandelt werden. Uns unterscheiden unsere Persönlichkeiten, aber nicht das Menschsein. Wir haben unterschiedlicher Gedanken und Ansichten, aber wir alle verdienen ein freies Leben!

Mittwoch, 17. November 2021

Ich schaue mir nicht täglich die Nachrichten an. In der Schule habe ich das noch gemacht, weil ich das für einige Fächer auch brauchte, aber generell machen Nachrichten doch schlechte Laune und der Fokus liegt eigentlich nur auf dem Negativen. Und noch dazu können wir so manipuliert werden durch die Nachrichten… In der Schule habe ich gelernt, wie wichtig es ist, nicht nur einer Quelle zu vertrauen, sondern so viele konträre Meinungen wie möglich zu betrachten und auch die Quelle zu hinterfragen. Erst dann kann man sich wirklich ein differenziertes Bild der Lage machen und sich selbst eine Meinung zu einem Thema bilden. Leider habe ich das Gefühl, dass die meisten Menschen, dies absolut nicht tun momentan. Der Großteil schaut die Tagesschau und vertraut den Berichten, ohne etwas zu hinterfragen oder die andere Seite zu verstehen zu versuchen.

Mama und ich haben zum Beispiel unsere eigene kleine Tagesschau in unserer Gruppe auf Telegram, wo wir uns Artikel schicken. Heute habe ich mir wieder ein paar tolle Artikel durchgelesen, die Mama mir geschickt hat. Artikel, die anderswo schon zensiert werden, weil keine zweite Meinung erwünscht ist. Dafür habe ich keine Worte mehr. Meinungsfreiheit gibt es nicht mehr.



Tagebuch einer ver-rückten zeit

Tagebuch einer ver-rückten Zeit / Tag 32

12. November 2021

                                                                                                                                                   

Es sammelt sich so viel. Wie kann man das man bewältigen?

Es nahezu unmöglich sich zu schützen. Von allen Seiten wird man torpediert. Torpediert. Vor zwei Tagen druckte der Nordkurier einen Gastkommentar des Historikers René Schlott, in dem Schlott aufzeigt, wie immer mehr Kriegsvokabular in unserem Sprachgebrauch Einzug hält. Jetzt erwische ich mich selbst.

Da versuche ich Luft zu holen, ein paar Tage lang mal nichts an mich ranzulassen, ich entsorge die Zeitung, schaue kein Fern, höre kein Radio, reduziere meine „Kanäle“, doch der Psychostress bahnt sich seinen Weg. Die Schule meldet sich, bis zum 31. Dezember müssen wir die Masernnachweise für Clara und Hannes vorlegen. Ich finde die Impfausweise nicht. Unseren Kinderarzt gibt es nicht mehr. Freunde fragen: Was können wir tun? Wir haben uns bewusst gegen diese Impfung entschieden? Es gibt Möglichkeiten. Aber will man genauso agieren, wie diejenigen, die uns was vorgaukeln, die uns betrügen?
Ich habe beschlossen nicht in wilden Aktionismus auszubrechen. Ich muss Luft holen, ich muss bei mir bleiben. Einen Tag gelingt es, dann kommt der nächste Hammer: Jens hat beschlossen, sich impfen zu lassen.

Atmen! Tief atmen! Wegatmen! Aber wie soll ich atmen, wenn das ganze System gelähmt ist? Mein Kopf schlägt Purzelbäume.

Ich muss mich mitteilen. Pfarrer D. reagiert sofort. Er schreibt: Ich kann Ihren Kummer verstehen, aber sie müssen ihn lassen. Sonst ist der Schaden noch größer. Ich wünsche Ihnen sehr, dass Ihnen das gelingt.
Hella meldet sich halber Nacht aus Portugal. Ihre Kinder, die Kinder einer Heilpraktikerin, haben sich alle impfen lassen. Was soll man machen?
Hella könnte Jens nach der Impfung homöopathisch begleiten. Das ist meine Hoffnung. Jens müsste sich vorher bei ihr melden. Hellas Wort hat bei ihm großes Gewicht. Ich will noch wissen, ob wir gefährdet sind, wenn Jens sich impfen lässt – also vornehmlich ich, wir lieben uns nicht nur platonisch. Die ersten Tage, sagt Hella, sollten wir nicht in einem Bett schlafen und wenn Jens Symptome entwickelt, sollte er sich isolieren. Zunehmend macht Hella die Erfahrung, dass von geimpften Menschen eine größere Gefahr ausgeht. Vermehrt sind sie diejenigen, die andere Menschen anstecken. Interessant ist noch eine Beobachtung, die Hella gemacht hat: von ihren Patienten, die sich mit Corona infizieren und auch erkranken, sind es die ungeimpften, die nach drei Tagen durch die Crisis durch sind, die geimpften jedoch brauchen zehn Tage und länger.
Für mich ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, sich um eine Patientenverfügung zu kümmern. Erst danach, finde ich, soll Jens sich impfen.

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Die Impfung ist vom Tisch. Vorerst. Ein Gespräch unter Kollegen hat Jens bewogen, die Impfung vorerst aufzuschieben. Bis der Totimpfstoff da ist? Ich habe gerade ein Video von Wolfgang Wodarg gesehen, in dem er auch diese Impfstoffe auseinandernimmt. Ich behalte es für mich. Mal sehen, was die Zeit bringt. Jens selbst bezeichnet sich als Wackelkandidat.
Mir war nicht klar, unter welchem Druck er steht.

Welchen Druck hält ein Mensch aus? Wie wird der Druck erzeugt? Tatsächlich, sagt Jens, seien es nur fünf Prozent seiner Patienten, die fragen und drängen. Mit welchem Recht?
Ich an seiner Stelle würde einfach zurückfragen: Warum soll ich mich impfen lassen? Alles, was darauf als Antwort kommt, kann ich zerpflücken.

Beeindruckt hat mich ein Gespräch mit Hockey-Bine. Corona ist für sie gar nicht so ein Thema. Der Klimawandel aber, der, sagt sie, mache ihr richtig Angst. Weil es um unseren Planeten geht. Weil die Pole schmelzen. Bine sieht ihre Kinder sich schon um Wasser prügeln. Und keine Möglichkeit diesen Lauf aufzuhalten.

Katia – erwägt ihren Job in der Angehörigenbetreuung zu schmeißen

„Wir müssen das Volk nehmen, das wir haben.“